Um zu verstehen, wo etwas herkommt, hilft es oft, den Blick auf eine andere Ebene zu richten. In diesem Fall, von der Mikroebene auf die Makroebene zu schauen.
Institutionen legen mit ihrem Verhalten den Rahmen für soziale Normen fest. Also dafür, was richtig und was falsch ist, was erlaubt ist und was nicht und wie wir uns in bestimmten Situationen zu verhalten haben.
Die vehementen Forderungen nach mehr Work-Life-Balance resultieren aus dem folgenden Widerspruch.
Menschen fühlen sich oft Dingen verpflichtet, die austauschbar und im Grunde tot sind, wie Geld oder Besitz.
Wir kennen alle das Gefühl, wenn uns jemand Geld geliehen hat und wir es ihm unbedingt zurückzahlen wollen. Manchen hat dies schon die ein oder andere schlaflose Nacht gekostet.
Wenn jemand uns ein Geschenk machen, sind wir oft nicht nur dankbar, sondern haben vielmehr das Gefühl, dem anderen auch eine Freude machen „zu müssen“. In jedem Fall bleibt das Gefühl, dass der andere bei uns etwas gut hat.
Aber wenn uns jemand Zeit schenkt, passiert etwas Merkwürdiges. Hier entsteht meist nicht das Gefühl, dem anderen hierfür etwas zurückgeben „zu müssen“. Wir nehmen es im Vergleich zum Geldleihen oder Geschenk bekommen eher als etwas Selbstverständliches hin und machen uns meist keine weiteren Gedanken dazu.
Dabei ist Zeit das Einzige, was sich nicht ersetzen lässt. Wenn dir jemand Zeit gibt, gibt er dir einen Teil seines Lebens. Und wir behandeln es, als wäre es selbstverständlich.
„Menschen ziehen sich nicht zurück, weil sie nicht mehr leisten wollen, sondern weil sie spüren, dass das, was sie geben, nicht mehr gesehen wird.“
Menschen geben im Beruf nicht nur ihre Arbeitsleistung, sie geben ihre Lebenszeit, die aus ganz konkreten Dingen besteht:
Ein Arbeitstag, das sind nicht bloß acht Stunden auf dem Tacho, sondern acht Stunden, in denen ein Mensch wach, präsent und belastbar sein muss.
Der ganze Rest des Tages, ja, der Rest unseres Lebens ordnet sich um die Arbeit. Schule, Ausbildung und Studium bereitet uns darauf vor und selbst der Urlaub ist kein freier Raum, sondern verfolgt den vorrangigen Zweck, wieder arbeitsfähig zu werden.
Oder hast du in deinem Urlaub schon mal ein neues Business auf die Beine gestellt, das Buch geschrieben, von dem du immer geträumt hast oder endlich das Instrument gelernt, das dich seit Jahren reizt?
Die wenigsten sind dazu in der Lage.
Viele fallen stattdessen nach Ferienstart erst einmal krank ins Bett. Wenn der Cortisolspiegel sinkt und plötzlich die Entzündungen zutage treten, die schon lange im Körper gearbeitet haben, tritt der Körper erst mal auf die Paustaste.
Aber lange hält das nicht, denn die freie Zeit will ja genutzt werden.
Ob am Strand von Rimini „La dolce vita“ mit allen Sinnen zu kosten oder in Kühlungsborn das Fischbrötchen unter dem wachsamen Zugriff der Möwen zu verspeisen, einfach nur auf dem Sofa zu liegen, entspricht selten unserer Vorstellung von der „schönsten Zeit des Jahres“.
Also versuchen wir gleichzeitig, uns zu erholen und etwas von der Lebendigkeit des Lebens zu erhaschen. Kaum ist der Körper nach zwei Wochen wirklich runtergefahren und hat die Waffen seines Sympathikus beiseitegelegt, beginnt der Arbeitsalltag von vorn.
War das vor 20 oder 30 Jahren auch schon so?
Ganz klar, nein. Schule hatte den Auftrag, Kinder auf das Leben vorzubereiten. Neben dem Herstellen eines Mindeststandards an Leistungsvermögen wurden hier Themen wie Haushaltsführung gelehrt, gesellschaftliche Normen greifbar gemacht und praktisch gelebt, was auch bedeutete, Teil einer Gemeinschaft zu sein.
Später bei der Arbeit war der jeweilige Tätigkeitsbereich recht überschaubar und auch klar abgegrenzt. Die Menge an Arbeit war sehr gut innerhalb der vorgesehenen Arbeitszeit bewältigbar und vor allem, war das Miteinander ein komplett anderes als heute. Mitarbeiter wurden nicht wie eine Zitrone bis zum letzten Tropfen ausgedrückt, sondern die Menschen kannten einander. Also so richtig, nicht nur beim Nachnamen und der Fachbezeichnung wie Herr Müller aus der Buchhaltung. Nein, der Chef wusste, dass Herr Meier gerade Augenringe hat, weil das Baby zahnt und nachts oft schreit, sodass er dessen Kollegen die schwierigen Fälle übergeben hat. Dieser hat seinem Kollegen gern unter die Arme gegriffen und dessen Situation nicht ausgenutzt, um zum Beispiel Kunden an sich zu reißen.
Die Menschen haben einander gesehen. Und wohlgemerkt, ohne dass es dafür einen Workshop in People Culture geben musste.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum sich in der Arbeitseinstellung der Menschen etwas verschoben hat. Viele haben zunehmend das Gefühl, dass ihnen etwas genommen wird. Neben ihrem Engagement und ihrer Lebenszeit trifft ihr Verlustgefühl etwas deutlich Tieferes: sie spüren, dass sie ein Stück von sich selbst verlieren.
Zwischen dem, was sie geben und dem, was sie bekommen, scheint ein großes Ungleichgewicht entstanden zu sein. Denn was sie geben – ihre Lebenszeit-, ist unwiederbringlich, während das, was sie zurückbekommen, oft austauschbar ist.
Geld kann das nicht ausgleichen und Benefits auch nicht.
Ein Teil der Antwort liegt, wie bereits angedeutet, weder auf der individuellen noch auf Unternehmensebene, sondern noch eine Etage höher als institutioneller Ebene. Das Verhalten von Politikern, von bekannten Firmenchefs, von Promis wird genau beobachtet, mit besonderem Augenmerk auf den Umgang mit Fehlverhalten. Auch wie sich das eigene Leben im Verhältnis „zu den da oben“ verändert, wird unter die Lupe genommen.
So sehen die Menschen, dass sie immer mehr Steuern zahlen, dass von ihrem Gehalt am Ende des Monats immer weniger übrigbleibt, weil zusätzlich die Preise steigen, während ihr Einkommen gleichgeblieben ist. Sie bemerken weiterhin, dass Leistungen gekürzt werden, dass Dinge, die früher selbstverständlich waren, plötzlich eingeschränkt sind, sei es bei der gesundheitlichen Versorgung, bei Infrastruktur oder an anderen Stellen des Alltags.
Während der gewissenhaft arbeitende Bürger durch seine gesellschaftliche Prägung ein schlechtes Gewissen hat, wenn er mit Krankheitssymptomen das Bett der Arbeit vorzieht, nehmen sich zunehmend Menschen in der Öffentlichkeit Freiräume, die sie selbst für andere so nicht vorsehen würden. In dem Regeln, die nach unten hin sehr konsequent eingefordert werden, nach oben hin an Verbindlichkeit verlieren, kommt es zu einer gefährlichen Verschiebung. Denn wenn die, die eigentlich als Maßstab dienen sollten, diesen Maßstab selbst relativieren, verändert sich das Verhalten auf den Ebenen darunter zwangsläufig mit.
So lässt sich auch erklären, warum sich sicht- und spürbar in vielen Unternehmen etwas verändert hat. Klar, Geschäftsführer stehen selbst unter wachsendem Druck, denn Märkte werden schneller, Anforderungen auf allen Ebenen steigen, die Unsicherheit vor der Zukunft nimmt zu und dieser Druck wird weitergegeben.
Doch heute beginnt ein Arbeitstag oft schon mit mehr Aufgaben, als ein einzelner Mensch in der vorgesehenen Zeit überhaupt bewältigen kann. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an die Mitarbeiter. Im Vertrieb müssen mehr Abschlüsse erzielt werden, im Kundenkontakt muss intensiver betreut werden und intern müssen Prozesse schneller laufen. Berater kommen aus allen Ecken angelaufen und versprechen mehr Effizienz, mehr Umsatz, mehr Optimierung.
Was hier eklatant fehlt, ist ein Ausgleich auf menschlicher Ebene. Wenn der Mitarbeiter zur Personalnummer degradiert wird, der brav seine immer steigenden Aufgaben erledigen soll, ohne aufzubegehren, dann ist es kein Wunder, dass Menschen sich nicht gesehen werden. Sie werden nicht gesehen. Punkt. Sie spielen keine Rolle und sind austauschbar.
So entsteht eine Situation, in der Menschen das Gefühl haben, dass sich die Regeln einseitig zu ihrem Nachteil verändert haben und sie ihnen übergestülpt werden. Dass von ihnen weiterhin erwartet wird, sich an Vereinbarungen und soziale Normen zu halten, während sie gleichzeitig erleben, dass diese Verbindlichkeit an anderer Stelle brüchig geworden ist.
The Winner takes it all. The Loser standing small.
Ein Teil davon lässt sich nicht mehr allein auf einzelne Unternehmenschefs oder einzelne Politiker zurückführen, sondern liegt tiefer, in der Logik des Systems selbst, in dem wir uns bewegen. Der Kapitalismus folgt einer simplen Grundannahme: dass am Ende immer nur einer gewinnen kann und dass diesem Gewinn zwangsläufig ein Verlust auf der anderen Seite gegenübersteht.
The Winner takes it all. The Loser standing small.
Diese Logik ist nicht neu, aber sie hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten in einer Form verdichtet, die immer mehr Menschen unmittelbar in ihrem Alltag spüren. Nach dem 2. Weltkrieg haben wir uns in Deutschland mit der sozialen Marktwirtschaft ein Wirtschaftssystem gegeben, das den Menschen in den Mittelpunkt stellen sollte und nicht das Kapital. Der größte Grundwert der Sozialen Marktwirtschaft war die Humanität, also die Menschlichkeit. Spätestens seit den 2000er Jahren hat sich unsere Wirtschaft schrittweise in Richtung eines Kapitalismus amerikanischer Prägung verschoben, in dem Effizienz, Skalierung und Gewinnmaximierung nicht mehr nur Unternehmensziele sind, sondern zum Maßstab für nahezu alle Entscheidungen geworden sind.
Die Folgen dieses Wandels sind es, was Menschen wahrnehmen, auch wenn sie es so nicht konkret benennen können. Sie sehen, dass die Anforderungen steigen, dass immer mehr herausgeholt wird, dass die Spielräume enger werden und dass gleichzeitig an anderer Stelle Gewinne entstehen, die in keinem Verhältnis mehr zu dem stehen, was sie selbst für ihren Einsatz zurückbekommen. Daraus entsteht nicht nur Frust, sondern ein grundlegendes Gefühl von Ausnutzung.
Denn im Kapitalismus ist der Mensch zunächst einmal nichts anderes als eine Ressource, die neben anderen Ressourcen wie Maschinen, Kapital oder Natur mit dem impliziten Ziel eingesetzt wird, möglichst viel aus ihm herauszuholen. Effizienz bedeutet dann, dass diese Ressource optimal genutzt wird und optimal heißt in letzter Konsequenz oft, dass sie bis an ihre Grenze geführt wird. Dass Menschen sich unter solchen Bedingungen nicht mehr gesehen fühlen, ist daher keine Überraschung und auch kein individuelles Problem, sondern eine natürliche Entwicklung innerhalb eines Systems, das nicht darauf ausgelegt ist, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen.
Vor diesem Hintergrund wirkt auch die gesamte Diskussion um Work-Life-Balance seltsam verkürzt. Denn sie suggeriert, dass es um ein Verhältnis zwischen Arbeit und Leben ginge, das man nur besser austarieren müsse. Tatsächlich geht es aber um eine andere, grundlegendere Frage, nämlich darum, welchen Stellenwert der Mensch überhaupt in diesem System einnehmen soll, ja, einnehmen darf. Es geht also konkret um die Balance zwischen Kapital und Mensch.
Dass das Narrativ des Kapitalismus uns glauben lässt, dass eine Menschorientierung zu egozentrischem Verhalten, faulem Schmarotzertum und massiven Einschnitten in unserer Lebensqualität führen würde, darüber werde ich an anderer Stelle noch einmal genauer eingehen. So viel sei vorweggenommen: Das ist totaler Quatsch!
Im Gegenteil. Wenn Menschen nicht zur Arbeit gehen, um Geld zu verdienen, sondern weil die Arbeit ihnen Zufriedenheit gibt, wenn sie sich ernst genommen fühlen, wenn sie sich einbringen, weil sie es wollen und nicht, weil sie müssen, entsteht selbstermächtigte Beteiligung statt bloßer Leistungserfüllung wie heute.
Es bedeutet, dass es nicht ausreicht, auf das System das Kapitalismus zu verweisen und zu sagen, „So ist das nun mal.“ Ein System lebt davon, dass Menschen sich dazu entscheiden, Teil des Systems zu sein. Dass sie sich entscheiden, als Zombie-Lemminge den Anderen offenen Auges ins Verderben zu folgen. So haben sich die meisten Menschen – in der Regel unbewusst – dafür entschieden, sich den vorgegebenen Spielregeln zu beugen und mitzumachen.
Ein Geschäftsführer kann sich dafür entscheiden, die Logik des Systems einfach weiterzugeben, den Druck aufzunehmen und nach unten durchzureichen, immer ein bisschen mehr zu fordern und immer ein bisschen mehr aus seinen Mitarbeitern herauszuholen, „weil man das eben so macht“. Er kann sich aber auch dagegen entscheiden.
Genau hier liegt die große Macht jedes Einzelnen von uns: Wir können jetzt hier und heute die Entscheidung treffen, dass wir da nicht mehr mitmachen. Dafür braucht es nichts weiter als unsere klare Entscheidung.
Und vielleicht beginnt genau hier etwas, dass wir lange aus dem Blick verloren haben. Denn wenn Zeit das Einzige ist, was wir nicht zurückgeben können, dann ist sie auch das Wertvollste, was wir überhaupt besitzen und gleichzeitig das Wertvollste, was wir anderen geben können.
Die Frage sollte also nicht mehr sein, wie wir Arbeit effizienter organisieren oder noch mehr aus Menschen herausholen können, sondern wie wir mit der Lebenszeit anderer Menschen umgehen. Und damit zwangsläufig auch mit unserer eigenen. Denn das, was wir vorleben, wird übernommen. Immer.
Wenn wir Menschen wie Ressourcen behandeln, werden sie anfangen, sich auch selbst so zu sehen. Wenn wir sie übergehen, werden sie sich zurückziehen. Wenn wir ihnen zeigen, dass sie austauschbar sind, werden sie beginnen, genau so zu handeln.
Wenn wir sie aber sehen, wirklich sehen, nicht als Funktion, sondern als Menschen, dann verändert sich etwas. Dann entsteht wieder das, was einmal selbstverständlich war und wonach wir uns alle sehnen: Ein echtes Miteinander.
Genau darin liegt die eigentliche Verantwortung von Führung. Innerhalb eines bestehenden Systems einen Maßstab zu bieten, an dem sich andere orientieren können.
Und wenn wir beginnen, den Fokus wieder auf das Menschliche zu lenken, auf das, was wir einander wirklich geben, nämlich unsere Lebenszeit, dann schaffen wir neue Spielregeln und ändern ganz nebenbei ein System, das uns in allen Lebenslagen unglücklich und krank macht.
Das wär doch was oder?